Über das Chanten


Chanten ist das Rezitieren spiritueller Texte in musikalischer Form. Ich (Dani) bin mir jedoch nicht sicher, ob die langen religiösen Texte im tibetischen oder indischen Sanskrit, die von den Mönchen im Singsang wiedergegeben werden, bereits als Chanten bezeichnet werden kann.

Ich kenne Chanten als kleine Liedsequenz mit etwa 1 bis 5 Zeilen Text und einer einprägsamen Melodie. Wie der Refrain von einem Popsong. Den Rest vom Lied mag man vergessen haben, doch die zwei Zeilen aus dem Refrain summt man noch stundenlang vor sich in.

Wenn man sich näher damit befasst ist es häufig so, dass man sich mit dem Text dieser zwei Zeilen unterbewusst gerade auseinandersetzt. Dieser “Ohrwurm” ist wie eine Botschaft aus dem Unterbewusstsein, die uns ins Bewusstsein geholt wird. Das Summen und Singen dieser kleinen Liedsequenzen hat also etwas mit unserm Unterbewusstsein zu tun.

Beim bewussten Chanten funktioniert der Effekt anders herum. Wir singen und summen einen kleinen Text mit einer bestimmten Botschaft und wiederholen ihn so lange, bis wir ganz und gar in dieser Stimmung angekommen sind. Es ist eine Art der Affirmation.

Wenn man sich selbst ganz oft sagt: “Ich glaube daran dass ich diese Prüfung bestehe” dann fühlt man sich nach einer Weile tatsächlich besser und selbstbewusster. “Es wird wahr wenn du es aussprichst”. Indem wir durch Aussprechen unsere Gedanken der Umwelt mitteilen erhalten sie viel mehr Kraft als wenn sie nur gedacht werden.


Chanten ist mehr

Ich selbst chante gern um mich zu verbinden. “Erde mein Körper, Wasser mein Blut” oder “We all come from the Goddess” (Achtung Urheberangabe erforderlich!) sind gängige Chants um sich mit der Natur oder dem Göttlichen zu verbinden. Chanten verbindet.

Und jetzt stellt Euch vor Ihr chantet in einer Gruppe.
Sicher war jeder schon einmal auf einem Life-Konzert und hat erlebt wie alle zu einem bekannten Hit mitsingen – zumindest den Refrain. Vielleicht singt nicht jeder schön, doch dafür laut und aus dem Herzen heraus. Jeder kann sich mit diesen drei Zeilen Text identifizieren und spricht somit für sich selbst – mit dem unglaublich tollen Gefühl mit diesem Thema nicht allein zu sein. Denn all die Gesichter um Dich herum zeigen genau das gleiche Gefühl das Du gerade hast. Da entsteht Gruppendynamik. Da entsteht Gemeinschaft.

Und so ist es auch beim Chanten in der Gruppe. Denn man stimmt sich aufeinander ein und hat ein gemeinsames Ziel. Jeder singt ein wenig anders und oft dauert es eine Weile bis man einen Konsens gefunden hat. Doch keiner Muss sich ganz anpassen, und man findet einen gemeinsamen Weg. Es ist nicht viel Text und eine einfache Melodie die immer und immer wieder wiederholt wird – leraning by doing. Für Chants gibt es kein Liederbuch (naja, manchmal schon aber lassen wir das).

Gemeinsam sind wir stärker als allein und auch einem Chant “Ich bitte um Kraft, Schutz und Unterstützung” wird “Wir bitten um….” Da entsteht Gruppendynamik, da entsteht Gemeinschaft.

Es gibt dieses schöne christliche Kinderlied: “Wenn zwei oder drei in deinem Namen zusammen sind dann bist du mitten unter ihnen” (Text und Melodie: Jesus-Bruderschaft 1972). (stimmt nicht ganz!)

Tatsächlich sind zwei bereits genug. Wenn diese Beiden ihre Absicht, ihren Wunsch oder ihre Bitte gemeinsam aussprechen entsteht bereits ein Kraftfeld zwischen diesen beiden Polen. Wenn man nun diese kraftvolle gemeinsame Intension wie eine Affirmation immer wieder wiederholt und ihr zusätzlich die Dynamic der Musik gibt – da entsteht richtig viel Energie!

Ich chante gern allein um mich zu verbinden, doch noch lieber chante ich in der Gruppe und spüre diese Kraft!


Chanten und Urheberrecht

Das Urheberrecht gemahnt an den bewussten und respektvollen Umgang mit den Werken mit denen irgendjemand irgendwann einmal die Welt bereichert hat.

Gerade bei den sogenannten “Traditionals” also spirituelle oder traditioneller Musik die oft schon seit Generationen von Mund zu Mund weitergeben wird, ging dieses Bewusstsein und der Respekt vor den Urhebern leider häufig verloren. Ob Volkslied, Kinderlist, Gospel oder Paganchant – man kennt es vom Hören, findet es gut und singt mit. Die Frage nach dem Urheber stellt niemand. Entsprechend schwierig ist es für Traditionals die Urheber herauszufinden um diese um die Erlaubnis zu bitten wenn man ihre Werke nutzen möchte.

Neben der Erlaubnis des Urhebers gilt es noch etwas zu beachten, denn eventuell braucht man noch eine weitere “Formalität” für die Nutzung bestimmter musikalischer Werke. Die Gema. Vereinfacht ausgedrückt kontrolliert die Gema ob das Urheberrecht bei Musik eingehalten wird und leitet den “Respekt” in Form von einer Gema-Gebühr vom Musiknutzer an den Urheber.
Das macht sie jedoch nur, wenn der Urheber noch lebt oder noch nicht länger als 70 Jahre tot ist und auch nur, wenn der Urheber einen Vertrag mit ihr oder einer anderen sog. Verwaltungsgesellschaft hat.

Von diesen Verwaltungsgesellschaften gibt es allein in Deutschland ein paar. Die GEMA handelt vor allem im Auftrag von Komponisten und Textern. Für ausübende Künstler ist hingegen die GVL zuständig.
Möchte man also mit mehreren oder anderen Menschen außer dem engsten Freundes und außerhalb der eigenen 4 Wände Musik hören oder selbst singen, so muss man das bei der Gema anmelden. Diese prüft dann, ob für die Nutzung der musikalischen Werke Urheberrechte vorliegen und/oder Gebühren fällig werden.

Eine Frage des Respekts

In wieweit die Gema ihre Aufgabe sinnvoll umsetzt oder in “Abzocke” ausartet seid dahingestellt. Im Grunde ist es eine Frage des Respekts.

Es empfiehlt sich schlicht ein bewusster Umgang mit der Musik und wer beispielsweise Traditionals in einer offenen Gruppe chanten möchte, der möchte sich bewusst mit den zu singenden Stücken befassen und den Urheber herausfinden und kontaktieren. Meist sind diese Urheber total nett, geben die Erlaubnis zu Nutzung gern und geben auch Auskunft darüber ob sie einen Vertrag mit der Gema haben oder nicht.

In letzterem Fall kann man ordnungsgemäß die “Musikveranstaltung” (in welcher Form auch immer) bei der Gema anmelden und einfach “gemafrei” dazuschreiben. Die prüfen das dann zwar nochmal nach, aber wenn man sich vorher ordentlich darum gekümmert hat sollte man ohne Gebühren davonkommen 😉

Auf jeden Fall sorgt die Gema für einen bewussteren Umgang mit der Musik, und das finde ich gar nicht so verwerflich.


 
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